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Wem das Niemandsland gehört

1. Juli 1916, erster Tag der Schlacht an der Somme: Britische Truppen durchqueren das Niemandslands bei Mametz. Die weißen Flächen bestehen aus Kalk vom Ausheben der Schützengräben. Photo Q 87 des

1. Juli 1916, erster Tag der Schlacht an der Somme: Britische Truppen durchqueren das Niemandsland bei Mametz. Die weißen Flächen bestehen aus Kalk vom Ausheben der Schützengräben. Photo Q 87 des „Imperial War Museum“, Public Domain (nach: Wikimedia Commons).

Das „Niemandsland“ existierte vier Jahre lang. Seit 1914. Es war der von keiner Seite richtig kontrollierte, teils nur ganz schmale Streifen zwischen den verfeindeten Heeren an der Westfront. Niemandes Land also.

Doch kein Begriff könnte falscher, irreführender sein. Denn das Niemandsland gehörte sehr wohl zu jemandem, es war sogar dichtbevölkert. Zuvorderst fand man dort, in verschiedenen Erdschichten und teils sehr verzerrter Körperhaltung die bei Sturmangriffen Gefallenen, unterschiedlichen Dienstgrads und Verwesungsfortschritts. Von beiden Seiten sammelten sich dort die Leichname, deutsche Leichname und englische, Kanadier und Franzosen, oder auch Afrikaner.

Manchmal wollten die Menschen wieder hochkommen. Wenn das Erdreich vom Regen ganz matschig und vom Granatbeschuss zerwühlt war, konnte es sein, dass ein Soldat, der in einem Granattrichter Deckung suchte, dort von der Seite ein Gesicht ihn leer anstarren sah, das halb aus dem Erdreich herausschaute. Ein halber Totenkopf.

Aber es gab auch die Lebendigeren, die noch eine Weile unter unfassbaren Schmerzen im Niemandsland ein Leben führten: Schwerstverwundete, die sich in einen Trichter gerettet hatten, und die nun, mit schwächer werdender Stimme, um Hilfe riefen, die nach ihrer lieben Mutter riefen, bis die Kräfte versagten. Die oft nicht geholt werden konnten: wegen der Scharfschützen.

Doch auch die Vegetation hatte ihren Anspruch auf das Niemandsland keineswegs aufgegeben. Da sah man unzählige Baumstümpfe und halbe Bäume, die der fast gleichzeitige Beschuss aus Hunderten von Geschützen übriggelassen hatte. Und auch vollständige Bäume gab es noch, die manchmal in seltsamer „Blüte“ zu stehen schienen; tragend die Körper derer, die von der Druckwelle feindlicher Granaten tot in die Äste der Bäume emporgeschleudert worden waren. Dort hingen sie weiter, oder blutige Teile.

Man sieht, das Niemandsland gehörte durchaus jemandem, ja, es war eng dort vor Menschen, vor lauter Seelen. Das hat der Mensch nur deshalb hinbekommen, weil er bei kaum einer Sache so hingebungsvoll, so eifrig und so sehr „mit Liebe zur Sache“ ans Werk geht, wie wenn es um die Auslöschung der irgendwie: „Anderen“ geht.

In dem Fall, dem Ersten Weltkrieg, wie wir Deutsche ihn nur nennen, bzw. dem „Great War“ (engl.) oder „Grande Guerre“ (frz.), war es faktisch zu einer Allianz der Kriegstreiber und -willigen aller Seiten gekommen (wenn diese auch nicht gleichmäßig über die Nationen verteilt waren). Unzählige Hochrisikopolitiker und Generalsstäbler waren schon seit Langem im imperialistischen Vorfeld gefährlich nah aneinander geschrammt, „Krieg-in-Sicht-Krise“. Zuletzt dirigierten sie, selbst noch getrieben, den damals noch neuen „Dampfwalzen“-Faktor: die Masse, Material und Menschen betreffend -; in ein Inferno, wie es nie zuvor stattgefunden hatte.

1. August 1914:

1. August 1914: „Der Weltkrieg.“ Titel der liberalen Königsberger Hartungsche Zeitung zum Kriegsausbruch. Quelle: Glinski und Wörster, über Wikimedia Commons.

Die Industrielle Revolution setzte damit – wie von Vielen heiß ersehnt – ihren Siegeszug mit unfassbarer Wirksamkeit in der „Branche“ der Menschenvernichtung (und -verachtung, des Hasses) fort. Vor allem in Europa loderte aufgrund des endlosen Massenmordens seit 1914 millionenfache Wut und eine extreme Bedürftigkeit, Jemanden für das Leid verantwortlich zu machen. In dieser Weise begünstigte der Erste Weltkrieg massiv den Zweiten, noch schrecklicheren. Die ganze Zeitspanne dieses spezifischen europäisch-chauvinistischen Massenhasses fand erst 1945 durch die extreme Übermacht der alliierten Sieger einen gewissen Abschluss.

Aber das Niemandsland und seine armen, friedlichen Bewohner, es wandert weiter. Wo ist es im Moment?

Sandor Ragaly

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2 Kommentare zu “Wem das Niemandsland gehört

  1. Faith
    15. Januar 2014

    I like this web blog so much, saved to favorites. “Nostalgia isn’t what it used to be.” by Peter De Vries.

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