Auffälle

SR

Auf dem Heimweg in der Nacht

Dylan, wie er mir am nächsten ist: das „Blonde on Blonde“-Album 1966 (Plattencover). Minnesota Historical Society 2011, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Ich erinnere sehr intensiv und sinnlich: Im Dunkeln schon stieg ich aus der U-Bahn, ging, wenn der Bus weg war, zu Fuß durch das alte grüne, villenartige Viertel nahe beim Grunewald – und sang oft, so für mich. Ich sang halblaut (mindestens) meine liebsten Lieder, jedenfalls „von ganzem Herzen“, und nur für mich allein, in der nächtlichen Einsamkeit… schnell leise werdend, wenn doch mal jemand kam, im Dunkeln um die Ecke bog… Ich kannte und mochte sehr die Texte, die ich genau nachahmend und phantasievoll mit fühlend artikulierte, während ich zwischen den heimeligen Häusern unter den gelb beleuchteten Fenstern vorüber ging, stimmungsvoll wie Advent, ging durch die Heile Welt dort, mit ihren wenigen Straßenlampen und dem geheimnisvollen vielen Dunkel, der Kühle im Herbst, der Sommernacht im späten Frühling… Schließlich kam ich entlang des ärmlichen Asylbewerber-Wohnheims, aus dem hatte ich einmal mein Fahrrad wiederholen müssen; über die kleine Brücke, die über die Bahngleise führt, und hinein in mein, mein „Internationales Studentenwohnheim Eichkamp“, den grünen, baumbestandenen Campus inmitten einer weiteren Siedlung alter Einfamilienhäuser, die sich bis zum nahen Grunewald hinstreckt; manchmal kamen mir schon Bekannte, Freunde entgegen aus dieser bunten „Kommune“ – oder Wildschweine, um bei uns etwas zu fressen, so dass ich auf ruckartige Bewegungen verzichtete (und das Singen sicherheitshalber auch, Wildschweine sollen diesbezüglich so empfindsam wie anspruchsvoll sein); bis ich bei meiner Maisonette-Wohnung ankam…

Einfach dieser vermeintlich einsame Heimweg durch das Dunkel und die Häuserlichter mit „meinen“ Songs und meiner Stimme (die für uns selbst ja meist ganz gut klingt) hat mir Empfindungen von Glück, etwas wie Geborgenheit gegeben. Ich war so sehr bei mir in diesen Momenten, identifizierte mich tief mit mir selbst, und ungeachtet schlimmer oder trauriger Dinge in der Welt und auch manchmal direkt in meinem eigenen Leben war in diesen Momenten „alles gut“. „Alles wird gut“, wie ich mir manchmal sagte, das mag naiv klingen, aber ich meinte keine rosig-naive Weltsicht in dem Moment, sondern, wie widrig auch alles um mich herum manchmal ist: Dass ich mir selbst nahe bin, ich gleichsam „nicht mehr da bin“ (im störenden Sinne, als zu „beachten“ mich aufdrängend), sondern mich lasse in diesem Spazieren, der Musik, dem Text und wie er damit zusammenhängt, wer ich bin – dass ich von mir so sehr absehe und frei bin, wie es auch manchmal ist, wenn man neu, und sehr, verliebt ist. Ich ging da die dunkle Straße runter, allein und gar nicht einsam, mit meinen Strophen vor mich hin singend und zugleich so still wie sonst nie. In den Momenten wird tatsächlich „alles gut“.

Es ist dagegen eine schlimme Sache, wenn man sich selbst, mehr oder weniger ohne es zu merken im trubeligen Alltag, fremd ist, oder während eines großen Teils der einmaligen Lebenszeit automatisiert tut und macht; oder vor Stress und Ehrgeiz verliert, „was wirklich zählt“, im Sinne der wirklichen eigenen Identität. Denn damit steht und fällt alles… für mich selbst vor allem, aber auch für mich in Bezug auf die anderen, mir lieben Menschen, überhaupt Menschen, die so liebenswürdig sein können – denn wenn man sich selbst „aus den Augen verliert“ oder kaum jemals authentisch man selbst sein kann (so ungefähr zumindest) oder sein darf; oder wenn man zulässt, dass das Wichtigste sich abschleift in Routinen vielleicht, so ist man, bin ich – was paradox klingt -, in solchen Zeiten  umso mehr auf mich selbst und meine Egozentrik, meinen Egoismus zurückgeworfen… Ohne dass es letztlich mir oder jemand sonst richtig etwas nützte.

Das Folgende ist übrigens eins meiner Lieblingslieder gewesen, für solche nächtlichen Heimwege… Bob Dylan und ich selbst dabei haben mir oft so gut getan hat, wie ich es hier eben beschrieben habe. Leider ist das Lied schlecht verlinkbar; es ist auf Dylans Album „Blonde on Blonde“ zu finden. Aber das ist der Text des 10-Minuten-Lieds. Ohnehin dürften solche wie die geschilderten Stimmungen und Gewohnheiten aber bei der oder dem, der etwas damit anfangen kann, durch jeweils ganz unterschiedliche „Mittel“ hervorgerufen werden; wenn man nicht darauf wartet, sondern sich einfach etwas „beruhigt“, und nicht mehr sein will, vor Anderen oder schlimmer: vor sich selbst, als das, was man ohnehin schon alles ist.

Bob Dylan: Sad-Eyed Lady of the Lowlands

     

With your mercury mouth in the missionary times
And your eyes like smoke and your prayers like rhymes
And your silver cross, and your voice like chimes
Oh, who among them do they think could bury you?
With your pockets well protected at last
And your streetcar visions which you place on the grass
And your flesh like silk, and your face like glass
Who among them do they think could carry you?
Sad-eyed lady of the lowlands
Where the sad-eyed prophet says that no man comes
My warehouse eyes, my Arabian drums
Should I leave them by your gate
Or, sad-eyed lady, should I wait?

With your sheets like metal and your belt like lace
And your deck of cards missing the jack and the ace
And your basement clothes and your hollow face
Who among them can think he could outguess you?
With your silhouette when the sunlight dims
Into your eyes where the moonlight swims
And your matchbook songs and your gypsy hymns
Who among them would try to impress you?
Sad-eyed lady of the lowlands
Where the sad-eyed prophet says that no man comes
My warehouse eyes, my Arabian drums
Should I leave them by your gate
Or, sad-eyed lady, should I wait?

The kings of Tyrus with their convict list
Are waiting in line for their geranium kiss
And you wouldn’t know it would happen like this
But who among them really wants just to kiss you?
With your childhood flames on your midnight rug
And your Spanish manners and your mother’s drugs
And your cowboy mouth and your curfew plugs
Who among them do you think could resist you?
Sad-eyed lady of the lowlands
Where the sad-eyed prophet says that no man comes
My warehouse eyes, my Arabian drums
Should I leave them by your gate
Or, sad-eyed lady, should I wait?

Oh, the farmers and the businessmen, they all did decide
To show you the dead angels that they used to hide
But why did they pick you to sympathize with their side?
Oh, how could they ever mistake you?
They wished you’d accepted the blame for the farm
But with the sea at your feet and the phony false alarm
And with the child of a hoodlum wrapped up in your arms
How could they ever, ever persuade you?
Sad-eyed lady of the lowlands
Where the sad-eyed prophet says that no man comes
My warehouse eyes, my Arabian drums
Should I leave them by your gate
Or, sad-eyed lady, should I wait?

With your sheet-metal memory of Cannery Row
And your magazine-husband who one day just had to go
And your gentleness now, which you just can’t help but show
Who among them do you think would employ you?
Now you stand with your thief, you’re on his parole
With your holy medallion which your fingertips fold
And your saintlike face and your ghostlike soul
Oh, who among them do you think could destroy you?
Sad-eyed lady of the lowlands
Where the sad-eyed prophet says that no man comes
My warehouse eyes, my Arabian drums
Should I leave them by your gate
Or, sad-eyed lady, should I wait?

    
Copyright Dwarf Music 1966, 1994
Von der offiziellen Website von Bob Dylan bobdylan.com.
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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. September 2013 von in Poetrie, Wahr-Nehmungen, Weitere.
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