Auffälle

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Europas Meisterstück: Die Überwindung des Haifischbeckens

Deutsche Kavallerie bei Verdun, Erster Weltkrieg. Von Numerius, Flickr. Datum unklar. LIzenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/deed.de

Überraschend erhält die EU den Friedensnobelpreis, mitten in Krise und Konflikten – abgesehen von der im Zeitpunkt enthaltenen moralischen Bestärkung ist das eine starke Bejahung des gesamten Wegs der europäischen Einigung. Und diese Auszeichnung für den dauernden Frieden in Europa wäre sogar schon früher das Richtige gewesen. Die europäische Einigungspolitik hat auf dem Kontinent endlich – endlich dauerhaft Frieden hergestellt, und sie hat die Institutionen und die Kultur auf dem Kontinent in einer Weise entwickelt, dass, ganz anders als etwa im Fall der damals als lang empfundenen Friedenszeit zwischen 1871 und 1914, auch für die Fortdauer gesorgt ist. 

Aber: Gerade in der breiten Internetkommunikation wurde die Verleihung häufig ambivalent, kritisch oder abfällig beurteilt. Auf ZEIT.de resümierte Ludwig Greven in einem aufschlussreichen Beitrag mit dem Titel „Wider den antieuropäischen Shitstorm“ (!) sogar, Hohn, Spott und Zorn seien die vorherrschenden Reaktionen auf die Friedensnobelpreis-Entscheidung. Dieses „Niedermachen“ aber zeigt letztlich auch, wie verbreitet eine gewisse Blindheit, Fremdheit und ein Un-Ernst hinsichtlich der europäischen Geschichte sind.

Das von der Netzkommunikation von „Unmutsbürgern“ gezeichnete Negativbild der EU aus Anlass der Preisverleihung ist vermutlich teilweise von einer Art Undankbarkeit gegenüber der Preisverleihung und dem seit Langem gesicherten innereuropäischen Frieden geprägt, der als Selbstverständlichkeit abgetan wird – aber auch einem mangelnden historischen Bewusstsein geschuldet.

Offenbar wurde der Preis für diesen politisch-humanen Erfolg sondergleichen im Netz daher eher als Ventil zweckentfremdet, um inmitten der Krise Unmut, Unsicherheit, Ärger und Ängste  vielfach in thematisch gar nicht zum Nobelpreis und seiner Bedeutung gehörenden Äußerungen auszubreiten. Dagegen zeigte eine echte Beschäftigung mit der historischen Entwicklung, wie verdient der Friedensnobelpreis tatsächlich ist; nur haben offenbar etliche Bürger andere Probleme auf dem Herzen, wenn es um Europa geht – andere wieder Schwierigkeiten, über den Tellerrand des Unmittelbaren, der politischen Aktualität, hinaus- bzw. weiter zurückzuschauen.

Dafür gibt es verschiedene Gründe, nicht zuletzt die noch steigende Notwendigkeit einer eher strengen Auswahl bei der Informationsaufnahme. Nur, ohne Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Geschichte, um Größenverhältnisse einschätzen, Vergleiche anstellen zu können, auch, um jenseits der reinen verstandesmäßigen Behandlung immerhin zum Teil mitfühlen zu können, was die Geschehnisse damals für die Menschen bedeutet haben mögen, lassen sich nicht nur der Friede in Europa und der Nobelpreis kaum angemessen würdigen. Die Konzentration allein oder wesentlich auf die Gegenwart enthält einem nicht nur eine Verbesserung der Beurteilungsmaßstäbe und in Grenzen übertragbare Erfahrung vor, zudem bleibt die Vergangenheit als konkrete Einflußgröße für heutige Politik zum Teil im Dunkeln, etwa im Fall tradierter allgemeiner Deutungsmuster  oder kollektiver Verletzungen, auf die u.a. internationale Politik Rücksicht nehmen sollte.

Im Sinne eines Umgang mit Geschichte, der nicht nur auf den Verstand abzielt, geht es im Folgenden um das Gedicht eines jungen Mannes, in dem er sein persönliches Erleben bei Ausbruch des Weltkriegs 1914 schildert (es folgt zuletzt) und eine kurze Schilderung der Situation der Zeit: der langen „Haifischbecken-Ära“ Europas, die im technisch-„fortschrittlichen“, aufgeklärten Europa des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt an Fanatismus, wirren Lehren, ungehemmter Menschen-Vernichtung und Massenleid fand.

Alfred Lichtenstein, der Verfasser dieses Gedichts, lebte in Berlin. 1914 promovierte er, 24jährig, in Jura. Daneben hatte er auch schon beachtliche Erfolge als Schriftsteller – in expressionistischen Kreisen, die zu der Zeit aufblühten – zu verzeichnen. Doch im Sommer von 1914, in dem die Sonne besonders viel schien, wurde mit einem Mal alles normale Leben durchkreuzt, mehr, als wohl jemand ahnte. Lichtenstein musste sich beim Militär melden: Es war die Allgemeine Mobilmachung für den seit Langem immer wieder befürchteten Großen Krieg zwischen den europäischen Bündnissystemen, den Großmächten… In ganz Europa boten Monarchien wie Demokratien, sich darin in einer Art Kettenreaktion überschlagend, rasch solche militärischen Kräfte auf, wie es sie nie zuvor gegeben hatte:

Denn anders als früher standen den hochgerüsteten Ländern zu Beginn des Weltkriegs (der damals noch nicht „Erster“ genannt zu werden brauchte) die gesamten technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften seit der gigantischen Industriellen Revolution zur militärischen Verfügung. Zugleich wurden, u.a. infolge der Bevölkerungsexplosion jener Zeit, Millionen Soldaten in Marsch gesetzt bzw. mit der noch recht neuen Eisenbahn rasch nach vorne befördert – Menschen und Material „en masse“ also für Generalstäbe, die die Soldaten „verschwenderisch“ in die feindlichen Maschinengewehre laufen und im Niemandsland verrecken ließen – etwa mit dem Ziel, das gesamte gegnerische Heer an einem Punkt der Front „weißbluten“ zu lassen (so der deutsche Generalstabschef von Falkenhayn über seine Verdun-Strategie).

Skrupellos hatten die europäischen Großmächte einen alles Bisherige weit übertreffenden „modernen Krieg“ in ganz Europa einkalkuliert. In riskanter Außen-, Kolonial- und Bündnispolitik und einem Rüstungswettlauf zu Land und zur See hatten sie ihre jeweiligen nationalistischen, imperialen Interessen verfolgt, immer wieder auch unter Einsatz des Militärs. Jetzt aber hatten alle verloren – ohne es noch richtig zu wissen… Auch wenn man zunächst noch auf einen raschen Sieg hoffte. So rief Kaiser Wilhelm II. den abmarschierenden Soldaten bei Kriegsbeginn, Anfang August 1914, zu, noch ehe die Blätter fallen würden, seien sie wieder daheim.

Und mit einer Rasanz, wie sie der äußerst riskante bis wahnwitzige „Schlieffenplan“ des deutschen Generalstabs zur Führung eines Zweifrontenkrieges erforderte, begann der massierte Vormarsch der deutschen Heere im Westen…

Alfred Lichtenstein erlebt diese Situation zu Beginn des Kriegs, „kurz vor der Abfahrt zum Kriegsschauplatz“, so seine Vorbemerkung, in dem Gedicht „Abschied“. Anfang August verabschiedete sich Lichtenstein von seinen Liebsten, schrieb dazu das Gedicht, bevor es zum ersten Mal an die Front ging… Schon im folgenden Monat, Ende September, fiel er an der Westfront bei Reims.

***

Abschied

Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.

Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.
O, heulte mir doch die Geliebte nit.

Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.
Die Mutter weint. Man muß aus Eisen sein.

Die Sonne fällt zum Horizont hinab.
Bald wirft man mich ins milde Massengrab.

Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.

 


Literarische Quelle lt. Zeno.org: Alfred Lichtenstein: Gesammelte Gedichte. Zürich 1962, S. 96-98. Bei Zeno unter: http://www.zeno.org/nid/20005271444; Lizenz: Gemeinfrei

Zitierter Artikel: Ludwig Greven: Wider den antieuropäischen Shitstorm. Kommentar in ZEIT Online – Ausland. 12.10.2012. Link: s. oben im Text.

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