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Europa ist mit Frieden nicht (mehr) zu gewinnen

Juni 1914: Verhaftung des noch nicht volljährigen Gavrilo Princip, unmittelbar nach seinem erfolgreichen Attentat auf den Thronfolger der Habsburgermonarchie Österreich-Ungarn, Franz Ferdinand - die daraus folgende Krise zwischen den Großmächten führte einen Monat später in das industrialisierte Menschenschlachten des Ersten Weltkriegs. Unbekannter Photograph. Public Domain. Danke, Wikimedia Commons.

Sarajevo, Sommer 1914: Verhaftung des noch nicht volljährigen Gavrilo Princip unmittelbar nach seinem Attentat. Einen Monat später setzen die europäischen Regierungen das monströse, technisch hochwertige Schlachthaus in Betrieb, das sie für Millionen Menschen vorbereitet haben.

Helmut Kohl sagte eben bei dem Festakt zu seinen Ehren, nie wieder dürfe Europa in Krieg versinken. Das ist äußerst ehrenwert, und Kohl hat dafür erfolgreich Politik gemacht. Und dennoch ist der Wunsch, der jedem heilig sein muss, auch rückwärtsgewandt. Die jungen Europäer, die Europäer überhaupt kann man so nicht mehr recht überzeugen oder gar begeistern, ggfs. ihren Kampfgeist und ihre Phantasie, ihre Ideen nicht mehr anregen, auch wenn man damit über eine der gelungensten Langzeit-Politiken und größten humanen Errungenschaften der Weltgeschichte – den europäischen Frieden im Zuge der Einigung – spricht. Denn das Wort „Errungenschaft“ trägt bereits zutreffend das Perfekt, die Vergangenheitsform, sprachlich wie inhaltlich in sich… Viele sind in den Frieden hineingeboren, Andere haben sich langjährig an ihn gewöhnt, beide Teile empfinden v.a.: Selbstverständlichkeit, denn so pragmatisch oder undankbar ist der Mensch (vgl., wie wenig etwa auch Gorbatschow, die Jahrhundertpersönlichkeit des globalen Friedens, heute geehrt wird).

Die Europäer, ihre Leidenschaften, gewinnt man heute nicht mehr mit einer stereotyp wiederholten Aktualisierung des Friedensthemas, auch wenn dieses selbst in Europa ganz partiell noch akut ist; und auch wenn diese Thematik an Bedeutung nicht zu übertreffen ist – sehr wohl aber an Aktualität, an konkretem Lebensbezug. Der Blick muss, um zu überzeugen, gar mitzureißen, nach vorn gerichtet sein, auf die gegenwärtigen und zukünftigen großen Aufgaben der Welt- und Europapolitik, auf eine in diesem Sinne „moderne“ Erweiterung der Sinngebung und Perspektive der Großen Europäischen Einigung. Auch jenseits des aktuell sich auftürmenden Pensums einer Erneuerung der finanz- und wirtschaftspolitischen Institutionen könnte dies z.B. Europas Rolle in einer „Welt der Riesen“ (USA, China, Indien u.a.) betreffen – einschließlich einer regional- und weltpolitischen Selbstdefinition als Groß-Akteur, und zwar verschiedene Politik- bzw. Handlungsfelder betreffend – auf denen v.a. (auf verschiedenen Ebenen) europäische Diskurse, partizipative und auf Dauer gestellte Debatten über die Kursbestimmung stattfinden müssen, einschließlich der allgemein-öffentlichen und der massenmedialen Ebene! Und schließlich geht es um die solcher Maßen ausgehandelten praktischen Entwicklungs-  und Einigungsschritte hin zu einer handlungsfähigen Realisierung des (je nach Themenfeld evtl. auch variierenden) Rollenverständnisses Europas. Es geht um neue Ideen, wie mit der zukünftigen Lage zurechtzukommen sei, um eine Vorstellung, wohin wir, insgesamt, wollen, um Visionen, aber auch die konkrete, realitätsgerechte politische Umsetzung – und bei alledem besonders um die zugehörigen Debatten in den Ländern und im Idealfall eine länderübergreifende Diskussion (u.a. unterstützt durch die Übernationalität der Internet- bzw. Sozialen Medien). Zentrale institutionelle Fragen, die blockieren (können), sollten mitsamt den zugrundeliegenden Wert- und politischen Vorstellungen umfassend explizit gemacht und ebenfalls intensiver öffentlich und partizipativ diskutiert werden (Ich denke an Themen wie Staatenbund, Bundesstaat? Mehr Demokratie im Sinne des EU-Parlaments/weniger nationalstaatlicher Einfluss?).

Es ist wichtig, es ist dringlich, dass eine EU-weite Re-Aktivierung der Insitutionen und der Zivilgesellschaft angestoßen wird, was die ganz großen und heute vorrangigen Herausforderungen angeht; dass eine gewisse Passivität und Über-Zufriedenheit – oder Sattheit, Harmoniebedürftigkeit, europäische Trägheit – diese großen Züge betreffend wieder abgestreift wird – denn behagliche Trägheit macht Krisen wie die jetzige nur wahrscheinlicher, und Europa wird für Viele zu einer – vermeintlich! – langweiligen Selbstverständlichkeit.

Wo ist eine starke Europapartei oder -bewegung?

Bildnachweis: Photo von Juni 1914, Photograph unbekannt. Public Domain-Bild. Danke, Wikimedia Commons.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. September 2012 von in Aktuell / News, Geschichte, Krieg Frieden, Politik, Umbruchzeiten, Wahr-Nehmungen.
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