Auffälle

SR

Alltagsfunkeln

Neugier macht den Alltag funkeln : )

Das Wetter war schlecht, mein Magen leer, und ich kehrte wieder ein in jenem vorzüglichen Restaurant für Schnelle Delikatessen. Wer hier nun streng den ersten Zeigefinger werfen will, dem halte ich entgegen, was Einstein dazu in seiner Relativierungs-Theorie sagt. Mehr aber habe ich nicht dazu zu sagen. Kurzum, ich kehrte ein und schlängelte mich an, wobei vor mir eine junge Schwedin (wie ich annahm) stand, anziehend klein, und eher femininer Statur denn mager. Vor allem ihr Gesicht war schön, ja erotisch – so in Richtung Kate Winslet, dachte ich (meinerseits eher vom Typ „Stan Laurel“ statuiert). Sie bestellte etwas auf Englisch, und der Kellner (hinter der Kasse) lächelte ihr zugegebener Maßen ziemlich nett zu, was mich sogleich ärgerte, zumal sie auch noch zurücklächelte. Dann verschwand sie mit ihrem Tablett hinten. Auch ich bestellte, mit sehr strengem Gesicht, ging dann auch zu den Tischen und setzte mich wie zufällig an den Platz ihr direkt gegenüber.

Weiter nichts. Gekonnt schauten wir eine ganze Weile aneinander vorbei, interessant, was man dabei alles so beobachten kann: Leute im Hintergrund, die irgendwas tun, rechts war eindeutig der Aufgang zur Toilette, mein rotes Tablett, vor sich hin rot bleibend… die Frauen links von mir unterhielten sich, ohne dass nur ein Wort herüberwehte… Immerhin sah ich dabei mein hübsches Gegenüber – wenn der Turnus wieder an ihr war, woanders hin zu gucken – immer mal kurz und aufmerksam an:

Sehr volle, blasse Lippen hatte sie – sie hatte überhaupt einen besonders hellen Teint -, blauäugig, hatte weiche, abgerundete Gesichtszüge, und ganz hellblondes, glatt-kurzes Haar. Auch hatte jemand sie mit etlichen (wiederum recht hellen) Sommersprossen besprenkelt… Irgendwann sprach ich sie zum Glück denn doch an, wobei sie sich als Russin aus Kaliningrad (dem früher ostpreußischen Königsberg) erwies, Ärztin im dortigen Medizinischen Zentrum, und vor allem wirkte sie sehr nett… und aufgeweckt!

Ach ja, und sie konnte kein Deutsch, mein Kaliningradisch beschränkt sich seit Langem auf drei Wörter (eines davon „Gorbatschow“), Ungarisch, obgleich unter den fünf meistgesprochenen Weltsprachen, konnten wir beide nicht, aber Englisch sie immerhin ein wenig – und so holperten wir durch ein angenehmes, auch charmantes Gespräch. Sie möge Berlin ebenfalls sehr, sagte sie, und „My baby loves it!“ – ? – „My husband…“ fügte sie hinzu. „Na toll“, dachte ich, während ich sie anstrahlte und ein „Ah!“ mimte. Das dezent gift-pinke Kopfhörerkabel meines MP3-Players fiel ihr auf, und sie sagte/zeigte mir, sie spiele Saxophon in einer Leningrader Band! Leider kannte sie nicht diese tolle, mitreißende russische Folk-Rock Band „Melnitsa“…

von deren Sängerin ich hier nur deshalb nicht allzu viel sagen will, weil es wohl nicht gentle wäre, in einem so kurzen Text zwei sehr reizvolle Frauen nebeneinander zu stellen. Aber dennoch, will ich verraten, hat diese Sängerin eine solch schöne und gefühlvolle Sopranstimme, und gesungen klingt Russisch noch besser als eh schon. Russisch hat die weichen Klänge, um besser als viele andere Sprachen zärtlich zu klingen, wenn es darum geht. Und zugleich, – falls dies überhaupt mit der Sprache an sich zu tun hat -, gibt es wohl kaum etwas Machtvolleres, Gewaltigeres und auch Martialisch-Machohafteres als den berühmten Chor der Roten Armee, wie er „Ej Uchnjem“, das alte Lied der Wolgaschlepper, so vielkehlig singt, im Crescendo sondergleichen…immer mehr donnernd und stürmend, als solle am Ende alles hinweggefegt werden…

Doch Sturm und Drang einmal beiseite: Schließlich verabschiedeten wir uns. Doch als ich ohne sie aus der „Restauration für Nuggets Spezialitäten“ wieder auf die helle Straße trat, dachte, wusste ich…und die Szene aus „Easy Rider“ fiel mir ein, in der Peter Fonda, nach der Odyssée der beiden Aussteiger, dem verdatterten Dennis Hopper resümiert: „Wir sind Blindgänger“… Mir war nämlich eingefallen, dass ich Dubbel [schwäbisch, mildes Schimpfwort] auf meinem MP3-Player doch das fantastische Lied von „Melnitsa“ in einer Festival-Fassung dabei hatte! Ich sah mich rasch um, ob sie auf dem Bürgersteig noch zu entdecken war.

Ihr Name hätte mich, einfach so, auch noch interessiert, aber ich habe nicht gefragt. Am besten gefällt mir unter den russischen Namen der einer einstigen Austauschstudentin aus Moskau in unserem Wohnheim, deren blondes Haar sich in unzähligen kleinen Löckchen ringelte, und vielleicht habe ich noch nie ein so wunderschönes, feines Gesicht mir direkt gegenüber gesehen. Vor allem aber hatte sie eine so fröhliche und Wärme vermittelnde Art, wir waren uns wirklich nah. Es ist ein praktischer Zufall, dass sie den gleichen Namen hatte, wie die Frau in Bécauds Chanson

La place Rouge était vide
Devant moi marchait Nathalie
Il avait un joli nom, mon guide
Nathalie

Nachweise: Liedstrophe aus „Nathalie“, 1964, von Gilbert Bécaud (✝ 2001). Titelfoto: ‚ceridwen‘ 2006, Quelle: http://www.geograph.org.uk; über Wikimedia Commons. Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en

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2 Kommentare zu “Alltagsfunkeln

  1. Dores
    1. August 2012

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Juli 2012 von in Poetrie, Satire, Venus, Wahr-Nehmungen und getaggt mit , , , .
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