Auffälle

SR

Der Reiz, zu verachten – instrumenteller Moralismus als Medien-Stil

– Skizze eines aufsteigenden Medienproblems  –

Der Pranger von Charing Cross. London im Jahr 1809. (Bildinfo: Artikelende)

BILD stellt durchaus ein Problem für Politik und Gesellschaft dar, das allgemein eher unterschätzt, oft auch von kritischeren Zeitgenossen nur mit Belächelung der Zeitung oberflächlich quittiert wird. Das Massenblatt ist dabei weniger ideologisch ein problematischer Einfluss im Sinne der Links-Rechts-Achse (früher war sie dies – nach rechts hin). BILD nutzt vielmehr gezielt ein gleichzeitig reizvolles und abstoßendes Mittel, das den Menschen anzieht wie ein Verkehrsunfall. Es handelt sich um die gezielte und teils subtile Fokussierung der Berichterstattung bzw. Meinungsentfaltung gemäß einer Methode, für die ich den Begriff des „instrumentellen Moralismus“ vorschlage. Der „Schadstoff“, der zur Verwendung kommt – ein aggressiv-populistischer, den „spießbürgerlichen“ Normenvorrrat anzapfenden Moralismus – hat politische wie vermutlich auch gesellschaftliche Folgen (s.u.) – und fällt zugleich selten als eigenwertiges und systematisch vorkommendes Element auf. Eine ähnliche Methodik zur Fesselung der Zuschauer wird auch von den Reality-„Dokus“, Reality-Shows der Privatsender, zunehmend eingesetzt (s. etwa „Berlin Tag und Nacht“ auf RTL II). Unabhängig vom Links-Rechts-Schema (auch kommerziell unabhängig von entsprechenden Trends entlang dieser Achse) nutzen BILD und die genannten Sendungen Ansatzpunkte, an denen Politiker, Promis, Menschen aller Art bzw. die Protagonisten der Reality-„Dokus“ gegen eingefleischte Normen, Bewertungsmuster der Gesellschaft – und sei es auch nur ein wenig – verstoßen und bauschen dies in aggressiver Zeigefinger-Manier (quasi-)autoritär auf. Die dabei in geschickter Form eingesetzte „Dosis Empörung“ teils seitens von BILD-Journalisten oder entsprechender Figuren der Reality-Sendungen ist dabei so geartet, dass sie weniger kritische oder gebildete, oberflächlich lesende oder auf dem jeweiligen Gebiet unbedarfte Leser aufzustacheln und evtl. mitzureißen vermag. Die hierfür geeigneten eingefleischten Normen sind etwas wie „Ur-Normen“: Sie entstammen meist dem alten bis sehr alten Verhaltenskodex des „Spießbürgertums“, d.h. etwa einer Ordnungs-Fixierung in allen möglichen Facetten, um so möglichst viele Menschen emotional und ohne Verkomplizierung zu erreichen. Aggressiv werden wechselnde Gegner angegangen – in der Tat mit einer gewissen Überparteilichkeit, denn es geschieht m.E. oft einfach dort, wo sich mit aggressiv populistischer, (scheinbar) empörter Attitude eine moralische Schwachstelle Anderer brandmarken lässt (etwa Griechenlands; andere Fälle s. unten). Mein Kritikpunkt dabei ist nicht die notwendige Kritik etwa an politischen Fehlern und Akteuren durch die Medien, oder die höhere Emotionalität und Vereinfachung, wie sie Kennzeichen der Boulevardpresse ist – dies würde weit weniger „Wutbürger“ und Publika mobilisieren – sondern die „hochmoralisch“ daherkommende, schon bei kleineren Fehlern aggressive Keule von oben herab, bis hin zu einer Art „Verdammung“ und Verachtung der Menschen, die diese Fehler machen. Viele Kommentare zu Wulff etwa – auch in angesehenen Medien – zeigten Verachtung – etwas, was weit jenseits des politischen Streits und medialer Aufklärung liegt, was aber oft wie Mundraub behandelt wird. Niemals habe ich etwa einen Medienwissenschaftler in den vielen anklagenden Talkshows zu Wulff gesehen – wohl auch, weil dies die Debatte hätte auf die Medien selbst lenken können. Während BILD die geschilderte Art der Meinungsmache mit instrumentalisiertem Moralismus systematisch durchführt, zeigte sich die urwüchsige Kraft der dieser Normen im Fall Wulff allerdings bereits in relativer Eigendynamik – in einem weit über die notwendige Faktenrecherche und angemessene Kritik hinaus gehenden, konsonant überdrehten Empörungs-Schreibstil und Staatskrisen-Getue in sehr vielen Kommentaren. Nicht nur das: Es enstand das „Scheren-Phänomen“ der zahlreichen emotional hochfliegenden und ex cathedra ab-urteilenden, aber zugleich auffallend schwach reflektierenden Meinungsbeiträge. Die Medienlandschaft glich sich teilweise BILD und seinem Pranger-Modell an, ob nun explizit in Orientierung daran oder als tiefsitzender Reflex auf die Möglichkeit, den Fall Wulff massiv zu moralisieren – einschließlich authentischer Empörung und Emotionen. Wulffs starke Überreaktion bei seinem Anruf bei BILD wurde so jedoch zu einem gefühlten Anschlag auf die Pressefreiheit; seine Fehler – die sich, lässt man den laufenden Fall zwangsläufig außen vor, sehr in Grenzen hielten – besudelten laut Medien Amt und Würden; von besonders tugendhaften Journalisten wurde ihm sogar explizit auch als Mensch die Würde abgesprochen. Zu den spießbürgerlich geprägten Normen, die dabei für eine gewisse Zeit glänzend aktualisiert in der Öffentlichkeit regierten, gehörte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Du sollst unter keinen Umständen einen schlechten Eindruck machen und damit deiner Familie/deinem Land etc. Schande; häufig thematisiert; die Reaktionen im Ausland in der Wulff-Sache waren aber m.E. wenig spektakulär;
  • Du darfst keine Fehler machen oder Schwachstellen haben – und wenn doch, dann aber gewiss nicht als Präsident! (Präsidenten sind nicht fehlbar);
  • Ferner die Strenge gegenüber (Sonder-)Wünschen, die nicht „normal“ oder „üblich“ sind, was sich in der dümmlichen Bosheit mancher Schreiber (auch bei BILD) äußerte, die fragten, wie Wulff sich denn beim Zapfenstreich ein Lied mehr habe wünschen können.

Scheinbar ging es Vielen beim Präsidenten um eine Art Heiligen oder Kaiser, jedenfalls um eine Obrigkeit zum Aufschauen, was die Urgewächse dieser tendenziell ins Absolute gehenden Normen so aktivieren konnte – und als das nicht klappte, sollte Wulff  wenigstens einen besonders „dreckigen“ Sünder zum  Runterschauenabgeben. Moralismus überschreitet die Respektgrenze des Menschen, auch des Journalisten. Aber: Was im Fall Wulff über die Medientitel hinweg und zunächst situativ geschah, praktiziert BILD systematisch auf Dauer. Im Fall Grass fand teils etwas Ähnliches statt, nur trat hier an die Stelle der eingefleischten spießbürgerlichen Normen die moralisch äußerst aufgeladene Norm, gegen Antisemitismus zu stehen – eine in der Tat nicht nur äußerst wichtige Norm, sondern eine, der wir Deutsche, wir in Deutschland für immer zutiefst verpflichtet sind, die basal ist für unseren Staat, unsere Gesellschaft, aber: Bei manchen Journalisten, Politikern schien diese Bedeutung durchaus das freie Denken zu behindern, zu erdrücken. Israels Politik sollte aus unserer Verantwortung heraus, und aus Mitgefühl mit den Opfern, nur mit besonderer Vorsicht und Einfühlung beurteilt werden, aber sie sollte beurteilt werden. Grass‘ Israelgedicht war sicher hochpointiert gegen Israels Politik gerichtet, was auch an der Form des Gedichts liegt (die er aber wiederum selbst gewählt hat). Doch ist es „zuviel des Guten“, dass  Günter Grass, ein immer schon politisch, öffentlich engagierter Mensch, der sich seine Gedanken nicht nur im Elfenbeinturm macht, der etwa für Brandt einen riesiges Wahlkampfpensum absolviert und Weltliteratur gegen das Krebsgeschwür der früheren wie heutigen nazistischen Ideologie(en) und Taten verfasst hat, nun selbst teils von nachdenklicheren Menschen in wirklich übler, verachtungsvollster Weise beschimpft wurde. M.E. kann man dabei, wie sicher öfters, von einer Mischung aus instrumentellem Moralismus verschiedener Akteure (auch auf politischer Seite), authentischer Kritik und Empörung sowie Mischphänomenen ausgehen – letztere etwa im Fall an sich wahrhafter Emotionen und Kritik, welche aber ins Über- und Hineinsteigern geraten durch den massiven Gleichklang moralisch überhitzter Debatten. Der instrumentelle Moralismus von BILD jedenfalls „lügt“ dort bewusst, wo er bei Journalisten nicht gar in Fleisch und Blut übergegangen ist (bereits unbewusst ist) – denn er gibt nur vor, moralisch intendiert zu sein und so wirken zu wollen, während er doch Mittel zum Zweck von Einfluss, Aufmerksamkeits-Erregung und Verkaufszahlen ist. Und: Er wirkt vermutlich nicht nur politisch. Die aggressive Substanz sickert in die Gesellschaft ganz allgemein hinein. Auch die ständigen bösartigen Denk- und Handlungsmuster, wie sie in den Reality-„Dokus“ bis zum Ekel vorgeführt werden und der Stil in den dezentral/schwarm-mäßig vorangetriebenen „Spontan-Kampagnen“ u.a. der Medien (Wulff, Grass), all das beeinflusst – so meine These – nicht nur das Politiker-, sondern auch das allgemeine Menschen- und Weltbild in bestimmten Bevölkerungsteilen. Vor allem betrifft dies Jene, die die BILD als Nachrichtenmedium ohne hinreichende Distanz und politisches Kritikvermögen Tag für Tag ernst nehmen und konsumieren, oder sich den Reality-„Dokus“ u.ä. in den Privatsendern ständig aussetzen. Problematisch ist dabei auch, dass gerade die Konsumenten dieser Medien tendenziell ein geringeres Bildungsniveau aufweisen dürften. In Anlehnung an George Gerbners klassische Vielseherforschung und seine hochinteressante „Kultivationshypothese“ besteht für mich die Gefahr, dass das ständige, auch unter Identifikation ablaufende Konsumieren der „Dokus“ und der BILD-Herangehensweise an Menschen/Politiker nach und nach zu Aggressivitäts- und zugleich Verängstigungseffekten bei den intensiven Nutzern führt. Ich selbst z.B. spüre, wenn ich etwa die häufige Niedertracht oder Bösartigkeit der Figuren in den betr. Reality-„Dokus“ anschaue, wie bei mir gleichsam automatisch Gefühle von Empörung und aggressiven Richten-Wollens angereizt werden. Dies oder der ständige Blick auf die Welt mittels der „Brille“ von BILD könnte diese Mediennutzer auch in ihrem realen Umfeld nach und nach Aggressivität (oder Unlauterkeit von Menschen etc.) eher erwarten lassen als es andere Menschen tun – und andersherum könnte für diese Rezipienten nach und nach Aggression als sinnvolles Mittel zunehmend legitimiert werden. Dies sollte auf jeden Fall im Rahmen der Empirischen Medienwirkungsforschung verfolgt werden. Der Ausblick ist gerade in der kürzerfristigen politischen Perspektive eher negativ: Der instrumentelle Moralismus der BILD (und der Mitmacher aller Art und je nach Situation) wird sich m.E. weiter durchsetzen. Er ist kommerziell und von der anschaulichen Wirkung her (s. etwa Wulff) erfolgreich; er wirkt jenseits des Links-Rechts-Schemas und ist nicht gleich als instrumentell zu durchschauen, erscheint dem ungeübten Auge im Gegenteil als besonders ehrenwert; er kann in Zukunft, im Zug der Digitalen Revolution, noch mehr auf politisch weniger kompetente oder apolitische, aber eifrig meinungsäußernde User aus dem Web 2.0 zählen, die entsprechend häufig auf diese gezielt aktualisierten und reizvoll über-emotionalisierten Moralvorstellungen ansprechen und jene überdrehten „Spontan-Kampagnen“ generieren helfen dürften – die keiner Absprache mehr bedürfen, um stattzufinden und um massiv, einförmig und aggressionsgeladen zu sein. Bei Wulff und Grass war dies manches Mal ärgerlich – wenn es aber in Zukunft einmal um mehr geht – etwa um Krieg und Frieden -, könnte eine moralistisch überdrehte, mit tausend gleichen Stimmen sich überbietende, aber politisch dysfunktionale, irrationale öffentliche Meinung mehr Schaden anrichten.

 

Der Beitrag ist in ähnlicher Fassung auch auf meinem Blog beim „Freitag“ (Online-Ausgabe der Zeitung) erschienen und von der Redaktion für die Rubrik „Top Blogs“ ausgewählt worden. Er ist zudem auf dem (wissenschaftlichen) „Media Business Blog“ publiziert und vom BILDblog.de empfohlen worden

Bild: Pranger von Charing Cross / London („Pillory, Charing Cross“). Bildtafel 62 des Bandes „Microcosm of London“ (1809). Modifiziert, unbekannte Quelle. Urheber: Thomas Rowlandson (1756–1827) und Andere, siehe unter: http://www.en.wikipedia.org/wiki/File:Pillory_Charing_Cross_edited.jpg. Das Bild ist gemeinfrei (public domain). Verwendung über Wikimedia Commons.

Advertisements

9 Kommentare zu “Der Reiz, zu verachten – instrumenteller Moralismus als Medien-Stil

  1. Eipa
    24. April 2012

    Interessant auch der Fall Hildebrand diesen Winter in der Schweiz, Hildebrand wurde durch die Weltwoche einzig und allein mit dem Moralvorwurf gestuerzt. Man muss bedenken, dass Medien politische Debatten nicht mehr nur publizieren sondern produzieren und dass es immer einfacher ist moralische Integritaet zu attackieren als Leistungsausweise.

  2. Dr. L.
    24. April 2012

    einfach die bigotterie und der bild und ihr schädliches potenzial anzuprangern wäre sicherlich nicht neu. auch im fall wulff ist das geschehen und selbst die medien haben ihr fett weggekriegt. natürlich viel zu wenig bzw. nur an ausgewählten stellen. aber erstens muss diese kritik nicht neu sein, denn es ist immer verdienstvoll, auf die schäbigkeit des blattes, seiner macher und profiteuere hinzuweisen und dabei die immer neuen beispiele zu nennen. zweitens ist es für mich durchaus neu den teilaspekt der missbrauchten moral insbesondere zu beleuchten und mit wissenschaftlichen ansätzen zu verbinden (vielleicht lese ich bei gelegenheit mal gerbner).

    grass gehört hier m.e. aber ausgeklammert, denn auch wenn hier natürlich wie immer aufgebauscht und verkürzt wurde, ist der hintergrund ein besonderer: die israel-dokrtrin springers.

  3. keeper_mf
    24. April 2012

    nur als kleiner Tipp, der Artikel ist zum Teil schwer lesbar (gerade der Anfang). Es werden Schachtelsätze wie im Lateinischen verwendet. Wenn man sich nicht 100%ig konzentriert, verliert man den Faden – kann aber auch sein, dass ich nicht „schnell“ genug im Oberstübchen bin. Ansonsten sehr interessant und sehr zutreffend. Die Tendenz nach dem Lesen von beschriebenen Situationen, sich angestachelt zu fühlen, kann ich ebenso nachvollziehen. Wenn aber die Kontrollorgane, also der Deutsche Presserat nicht mehr als symbolische Strafen für z.T. verhetzende und dem Grundgesetz widersprechenden Aktionen (fehlende Anonymisierung, Vorabverurteilung von Angeklagten etc.) verhängt, wird sich das auch nicht ändern. Jede noch so kleine Instanz wird überprüft und in gewissen Bahnen gehalten, außer die Presse. Und so lange dies so ist, gibt es keine Grund für ein reißerisches Blatt sich an Grundwerte zu halten.

    • Sandor Ragaly
      24. April 2012

      Vielen Dank für Ihre Komplimente (und Kritik)! Ich verstehe das mit der Lesbarkeit, zugleich ist mir der eigene Schreib-Stil wichtig, zu dem bei mir wohl dieser bestimmte „Schreibrhythmus“, Sätze mit Einschüben, längere Sätze etc., gehören… Ja, der Presserat könnte u.U. eine stärkere Rolle spielen, und die Pressefreiheit wird z.T. auch zu sehr als heilig aufgefasst in dem Sinne etwa, wie es das Wort von der „Medienschelte“ gibt: Diese ist m.E. oft angebracht, gilt aber wegen einer übertrieben empfindlichen Auffassung von Pressefreiheit eher als verpönt. Zugleich wäre ein stärkerer Eingriff in diese wichtige Freiheit in der Tat ein Problem, gefährlich für die öffentliche Debatte, so dass ich „den Ball flacher“ halten würde: für Maßnahmen, Engagement unterhalb der staatlichen Ebene bin, also in „softerer“, nicht in der Hand des mächtigen Staates liegender Weise – etwa in Form solcher Debatten wie hier gerade, durch Kritik in Form empirischer wiss. Studien (Medienwirkungsforschung etc.), durch Anti-BILD-Kampagne u.ä., durch das eigene Anders-Schreiben…

      • keeper_mf
        24. April 2012

        Das mit dem „mein Schreibstil“ ist zwar schön und gut, aber es soll ja gelesen werden, also ist meiner Meinung nach ein Lesefluss wichtiger, als ein Schreibfluss, aber wie gesagt, meine Meinung.
        Ich gebe Ihnen recht, dass die Pressefreiheit ein extrem hohes Gut ist, was nicht gefährdet werden darf, und was uns von vielen anderen Ländern unterscheidet, Was mir persönlich in den „Pressefreiheits- Debatten“ zu kurz kommt ist die Wichtung. Was ist höher angesiedelt, das Recht auf Pressefreiheit oder das Persönlichkeitsrecht. Ich denke Letzteres. Ich bin nicht für eine Zensur, aber eine striktere Sanktionierung für schwerwiegende Vergehen. Eine Rüge oder eine Missbilligung auszusprechen ist zwar gut, es interessiert aber am Ende niemanden – es gibt nicht einmal Pflicht die Dinger überhaupt zu publizieren. Ich bin doch nicht dagegen, dass höhere Staatsämter beleuchtet, und ordentlich recherchiert menschliche Abgründe aufgedeckt werden. Aber einen noch nicht verurteilten Verdächtigen in aller Öffentlichkeit zu defamieren (bloßstellen mit Namen und Foto), ist nicht hinnehmbar. Was daraus passieren kann, wurde im Mordfall Lena sehr deutlich. Was passier mit dem 17-jährigen, der sich als unschuldig herausgestellt hat – er wird zeitlebens als Kindermörder gebranntmarkt sein – Bild, Adresse etc. alles im Internet, Bild- Zeitung etc. Und selbst, wenn er schuldig gewesen wäre, ist so eine Hetzjagd für einen Rechtsstaat unwürdig. Auch wenn es schwer fällt zu akzeptieren, auch die schlimmsten Vergewaltiger und Mörder haben Menschenrechte. Das ist für ein Individuum nicht verständlich, muss aber sein, damit keine Anarchie und Lynchjustiz herrscht. Dies ist halt ein Beispiel für den genannten „instrumentellen Moralismus“. Die Presse hat eine riesige Verantwortung eine Abwägung zwischen Pressefreiheit zu den anderen Grundrechten zu gewährleisten und sollte daher mehr überprüft und ggf. sanktioniert werden. Eine Kampagne „Anti- Bild“ ist meiner Meinung nach nicht sehr sinnvoll, da das Klientel Bild- Leser und Blogger oder differenziert lesender zum Teil sehr unterschiedlich sind. Die meisten Leute, die sich über Bild aufregen, im Internet darüber lesen sind meines Erachtens keine Bild- Abonnenten/ Leser.

      • Sandor Ragaly
        24. April 2012

        Der Fall Lena ist in der Tat fatal. Bezüglich einer Anti-BILD-Kampagne ist es aber so, dass eine entsprechende öffentliche Thematisierung und Diskussion, die dann auch andere Medien/Journalisten und Spitzenpolitiker auf den Plan ruft, auf diese Weise durchaus Druck auf Springer ausüben könnte und auf solchem Umwweg auch BILD-Leser erreichen (dies einmal als Erfolgsfall skizziert).

  4. Loleander
    24. April 2012

    „Scheinbar ging es Vielen beim Präsidenten um eine Art Heiligen oder Kaiser, jedenfalls um eine Obrigkeit zum Aufschauen“

    Beim obersten Amt im Lande, dass ganz explizit der Repräsentation der Nation im In- und Ausland dient? Wie konnte das nur passieren?

    Ich gebe diesem Kommentar zwar im grossen Ganzen Recht, aber Beispiele wie die Empörungsmaschinerie bei den sogenannten „Reality“ Soaps, die mit Reality ja nichts zu tun haben – wo mit dem erhobenen Zeigefinger auf (für echt verkaufte) Fantasiefiguren gezeigt wird: Nein was für ein Prolet, der trinkt Bier und sein Kind sitzt daneben! Nein was für eine Rabenmutter, geht zur Frisöse und lässt das Kind allein daheim! – finde ich weit bezeichnender, auch wenn die Tragweite fehlt, als die Beschäftigung mit Wulff, dessen Fehlverhalten durch seine exponierte Position verstärkt wurde.

    Moral IST nun einmal relativ – und wessen wohlbezahlter und mit Staatsehren gespickter Job darin besteht, als vorbildlicher Repreläsentant zu dienen und dabei zur Erbauung des Volkes beizutragen, der muss sich nicht Wundern wenn es aus dem Wald herausschallt sobald es sich herausstellt, dass er sein Amt missbraucht hat.

  5. Erbloggtes
    23. April 2012

    Instrumenteller Moralismus ist ein tolles Oxymoron. Moralvortäuschung oder Bigotterie wurden aber Medien durchaus bereits (in den genannten Fällen) vorgeworfen, insbesondere der Bildzeitung.

    • Sandor Ragaly
      23. April 2012

      Danke Ihnen! Allerdings ist der genannte Vorwurf bislang viel begrenzter erhoben wurden; u.a. (meines Wissens) nicht bezüglich der „Standardberichterstattung“ der BILD, als gleichsam systematisches und durchdringendes Mittel des „Normalbetriebs“; und in den Fällen Wulff und Grass wurde dieser Vorwurf niemals in größerer Breite auf die Masse der Abozeitungen und Qualitätsmedien ausgebreitet, wo aber in den Kommentarbeiträgen das Phänomen mehr oder weniger „tobte“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: