Auffälle

SR

Die böse Stimme soll verstummen – der Druck der Masse im Fall Grass

If you see things horrid come

Use your drum !

Der sich überschlagende öffentliche Output von Journalisten und Politikern zu Grass‘ Israelgedicht erinnert mich an einen muskelbepackten, waffenstarrenden Krieger mit wenig Hirn. Diese Kritik geht meist nicht tiefer auf Grass‘ Text ein, vor allem, was das Brisanteste, die Möglichkeit eines atomaren Erstschlags Israels gg. Iran, angeht. Vieles, was in die öffentliche Arena mit eben jenen muskelbepackten Armen gleichsam hineingeschleudert wird, ist ja weniger Kritik am Gedicht, vielmehr – soziologisch gesprochen – nur an den Einflussfaktoren, den unabhängigen Variablen, die (angeblich) zu dem Text geführt, ihn beeinflusst haben – also entstehungsmäßig die Stufen vor der tatsächlichen Inhaltsebene des Grass-Gedichts, auch wenn der Text für solche Art der „Analyse“ zum Anlass dient.

Beispiele solcher ständig thematisierten „vorgeschalteten“ Einflussfaktoren anstelle von Kritik an Grass‘ Argumenten selbst sind (Stichpunkte sind Wiedergabe aus Medienbeiträgen):

  • Grass hasst die Juden. 

Als „Indikatoren“ hierfür werden in den Medien u.a. herangezogen: dass er in seinem Gedicht wesentlich Israel kritisiert; dass er sagt, es gebe ein Kritik-Tabu bezügl. Israels, etc.; bis hin zu dem Vorwurf, Grass‘ kritische Publikation vor Ostern führe die Tradition der „Ritualmord“-Vorwürfe gegen die Juden fort.

  • Grass ist schon damals „SS-Mann“ gewesen
  • Aus Grass‘ Äußerungen spricht „ES“ (unterdrücktes Bewusstsein bei Tätervölkern)
  • Grass war immer schon ein schwer erträglicher Rechthaber
  • Grass hat keine Ideen mehr
  • Grass ist bereits 84jährig (nicht mehr „auf der Höhe“)
  • Grass will unbedingt Publicity
  • Grass ist ein PR-„Mastermind“

Diese Ebene, die vage bis nebulöse Vorstufe zu den eigentlichen Argumenten eines Textes, ist naturgemäß weit weniger nachprüf- und diskutierbar und eignet sich deshalb besonders für – mit umso größerer Sicherheit vorgetragene – Stereotypen und Ressentiments und für das bloße Bekunden der „richtigen“ Einstellung. Stellt man etwa die Beweggründe eines Autors effektiv in Frage, kann man ihm und seinem Text damit gleichsam den Boden unter den Füßen wegziehen (ihn auch ruhigstellen evtl.) – und gleichzeitig der ernsthaften Beschäftigung mit seinen konkreten Argumenten aus dem Weg gehen. Diese mögen vielleicht schmerzend an Tabus rühren oder mit großer innerer Spannung zwischen verschiedenen, individuell wie kollektiv „höchstrangigen Werten“ verbunden sein –  etwa zwischen „Nie wieder Auschwitz!“ vs. „Nie wieder Krieg!“.

So wird jedoch um den heißen Brei herumgeschlichen, und was ist, wenn Furchtbares (in diesem Fall oder prinzipiell) eintritt, und wir nicht wachsam genug waren?! Sagen wir dann: Das hätten wir aber doch nie gedacht… Weil wir es vielleicht nie hatten denken wollen?

Als Ermutigung für Intellektuelle, Politiker, einfach: Menschen, zur Entwicklung eines kritischen Bewusstseins, dem eigenständigen Hinterfragen von Politik und, wo nötig, zum gewissensbewegten Warnen (sei es mit Blechtrommel, Gedichten oder wie auch immer) ist der öffentliche Umgang im Fall Grass sicher nicht brauchbar. Eher als Bestärkung für ein Mitlaufen in der Masse, ohne sich dabei allzu genau umzusehn, und sag nicht „Nein!“ … War das nicht etwas, was die „68er“ und die späteren Alternativbewegungen (bei aller Ambivalenz aufgrund eigenen, teils rigiden Gruppendrucks) einmal wesentlich aufgebrochen zu haben glaubten?

Doch im Fall Grass und für andere solche Mitschwimmer-Dynamiken sind noch bedeutsamere historische Impulse als Gegengift abgreifbar, die als Werte-Schatztruhe und Vergleichsmaßstab für die je aktuelle Realität sich anbieten – und die aus noch „tieferen Wassern“ kommen: So Vielen nämlich, vorrangig unter den „Meinungsmachern“, möchte ich die Epoche der Aufklärung in Europa nahelegen, die Konzentration kritischen Wissens durch die Enzyklopädisten in Frankreich, Lessings „Niemand muss müssen“ („Nathan der Weise“), Kant, und Viele mehr. Ich meine das nicht herablassend, denn für mich handelt es sich bei deren Werken um Reichtümer ohnegleichen, die jedem zu empfehlen sind. Sie erinnern an das freie Denken des einzelnen Menschen – und daran, dass man das nicht nur „darf“, sondern dass es sogar etwas Gutes ist.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Immanuel Kant

Der Beitrag wurde von der Redaktion des „Freitag“ in die Liste der „Top Blogs“ aufgenommen. 

Illustration: Filmplakat „The Tin Drum“ mit David Bennent als Oskar Matzerath. Film von Volker Schlöndorff von 1979, nach dem Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass (1959). Foto „Die Blechtrommel“ von jdxyw, 2010, Flickr. creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. April 2012 von in Krieg Frieden, Medien / Komm, Poetrie, Wahr-Nehmungen.
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