Auffälle

SR

Das Versagen der Medienforschung im Wulff-Konflikt

Heimlich, still und leise… Kaum einmal wurde die Dynamik des medialen Furors von den zuständigen Fachleuten öffentlich hinterfragt.
Foto: „Silence“ von Giulia van Pelt. Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/

– Ist es nicht übertrieben, von einem Versagen der Medienforschung im Fall Wulff zu sprechen?

– Ich denke nicht. Die (empirischen) Medien- und Kommunikationsforscher haben inmitten eines unglaublichen Mediensturms und -einflusses weitgehend geschwiegen (als rühmliche Ausnahme ist mir fast allein Hans Mathias Kepplinger aufgefallen). Sie haben sich nicht aus dem Elfenbeinturm „reiner“ Wissenschaft herausbegeben. Dabei ist die empirische Medienwissenschaft in Deutschland gut entwickelt, d.h. auch, entsprechende öffentliche Gelder fließen in diese universitäre Bereiche – ein faires „Zurückgeben“ dieser Zuwendungen an die Gesellschaft kann nicht nur in Grundlagen-Forschung bestehen, sondern muss auch Stellungnahmen, ein fachliches Sich-Einmischen umfassen, wenn es um solch herausragende – und dysfunktionale, neuartige – Dynamiken politischer Medienkommunikation geht. Ich meine einen vernünftig-behutsamen praktischen Bezug, ob normativ-wertend oder rein analytisch als Experten-Input. Ohne in den moralistischen Jargon vieler Leitartikel über Wulff verfallen zu wollen, sehe ich hier eine staatsbürgerliche (oder gemeinwohlorientierte) Pflicht.

„Versagen der Medienforschung“, das heißt:

Inmitten der sich überschlagenden Dynamik der Jagd der Medien, die sich „erstaunlicher Weise“ selbst bescheinigen, keine solche zu veranstalten (Tagesthemen-Beitag gestern etwa), inmitten von Politikern und ihrer Instrumentalisierung, Politikberatern und, durchaus häufig: Politologen, saß kaum je ein Medienforscher mit auf dem Talk-Sofa oder schrieb einen Artikel in einer größeren Zeitung. Zugleich ist zu fragen: Wurden Medienforscher zudem von den Medien, Talkshows von deren Seite aus nicht eingeladen, um sich nicht den kompetenten Kritiker am eigenen Verhalten in die Runde zu holen?

Es fehlte von daher jedenfalls der kritische, mit Abstand und Reflexion vorgenommene Input der (neben der Politologie) haupt-zuständigen Disziplin zu dem Verhalten und Einflüssen eines der beiden Haupt-Kontrahenten in dem Streit. Einem Streit, der aber gleichsam hiernach dürstete, so wenig reflektierend, (selbst-)kritisch und annehmbar im Stil lief er ab, inkl. der Leitartikel der Qualitätspresse bzw. teils muss man sagen: „Qualitätspresse“ (da fand, nicht zum ersten Mal, eine Vermischung mit dem Stil der Skandalisierung des Boulevards statt.)

– Was ist das konkrete politische Problem dabei?

–  Das Schweigen der Medienforscher implizierte zudem die völlig falsche Behauptung (und verbreitete es, gewolllt oder nicht, als Signal): Die Medien stünden in diesem Fall gar nicht zur Debatte, ihre Rolle muss nicht hinterfragt werden, was soll die Kommunikationswisssenschaft hierbei?

Schweigen ist nicht Neutralität, oder, wie der kluge Erforscher der menschlichen, oft kuriosen Kommunikation, Paul Watzlawick einmal gesagt hat: Man kann nicht nicht kommunizieren.

– Woran liegt das Schweigen, wo man gemeinwohlbezogen gebraucht wird, dieses Sich-Heraushalten aus dem im Grunde eigenen Feld?

– Es scheint eine Abneigung vieler empirischer Medienforscher zu politischer Kommunikation zu geben, sich selektiv, behutsam – und in einer vernünftigen Trennung von der Durchführung der Forschungsarbeit (für die teils eigene, wissenschaftliche Kriterien gelten (müssen)) -, auch in die Praxis ihres Fachs einzumischen; selbst in einem Fall wie hier, bei dem es dringlich gewesen wäre. Diese These legt in einer zunehmend digitalisierten Politikkommunikation und Medien-Gesellschaft auch mehr kritische Reflexivität von Wissenschaft nahe, d.h. eine genaue Analyse der eigenen Rolle in diesem Fall; des Selbstverständnisses, ihrer Deutungsmuster, Stereotype, der Diskurse – oder deren Fehlens.

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