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Geschichte und Technik: Die Erfindung des Wiener Tüftlers A. Kusztics-Koppler von 1912 bis heute

"Gruß aus Wien!" (1898). Ansichtskarte zur massenwirksamen Eröffnung der Wiener Stadtbahn im selben Jahr. Urheber unbekannt. Wikimedia Commons.

„Gruß aus Wien!“ (1898). Ansichtskarte zur massenwirksamen Eröffnung der Wiener Stadtbahn im selben Jahr. Urheber unbekannt. Wikimedia Commons.

Menschlich berührend und skurril ist, welchen „Lebenslauf“ die hier zur Rede stehende Innovation verkehrstechnischer, aber auch kunstgewerblicher Natur absolviert hat – und zwar vom Wien des Fin de Siècle bis fast in die Gegenwart hinein. Die Rede ist vom „Vis-à-vis-Getränkehalter“, volkstümlich „Visawie“ genannt. Entworfen 1912 vom Austro-Ungarn A. Kusztics-Koppler, war das Bauteil als „sich zuneigende“ Getränke-Stellmöglichkeit für gegenüberliegende Sitzplätze in Tramwagen vorgesehen. Ästhetisch orientierte sich der Feierabendtüftler und Autodidakt an der „Wiener Werkstätte“ jener Zeit.

Tatsächlich stieß die Erfindung, wie es zunächst schien, auf große Beachtung von allen Seiten – man konnte und wollte sich schließlich nicht ständig nur mit den – alles in Frage stellenden – Nationalitätenthemen des Vielvölkerstaats beschäftigten (oft war auch liebevoll vom Habsburger „Völkerkerker“ die Rede). Doch nach dem anfänglichen Strohfeuer öffentlicher Aufmerksamkeit und Begeisterung folgte der ganz realitätsbezogene Widerstand. Zunächst einmal wurde übelwollend kritisiert, der „pfiffige“ Erfinder habe wohl übersehen, dass Getränke in den öffentlichen Transportmitteln Donaumonarchie-weit gar nicht erlaubt waren.

Als das Verbot bald darauf fiel, zeigte sich, dass das Haltevermögen ausgerechnet bei den seinerzeit am weitesten verbreiteten Flaschen des „Almdudler Kräuter-Frischetranks“ nur bis zu einer Reisegeschwindigkeit von 300 Baud garantiert werden konnte (Baud/Bd: die vor-metrische Maßeinheit Österreichs, 300 Bd entprechen etwa 15 km/h). Der berühmte Karl Kraus sprach deshalb auch scharfzüngig vom „Wackelkandidaten“, wenn er den Getränkehalter, und von „der Flasche“, wenn er seinen Erfinder meinte. Und so verzichteten die Verkehrsbetriebe im gesamten Habsburgerreich enttäuscht auf einen Einbau in ihren Fahrzeugen.

Kusztics-Koppler verarmte kurz darauf ganz plötzlich, und verstarb. Das lag vermutlich nicht unwesentlich an einem Interview, das er dem noch sehr jungen Medium Radio gegeben hatte. Gefragt, ob denn der „Visawie“ nun langsam, endlich! wirtschaftlichen Erfolg aufzuweisen habe, antwortete der sonst leicht aufbrausende Erfinder erstaunlich sachlich: beklagte die Innovationsfeindlichkeit in ganz Österreich, ging dann dazu über, den Kaiser als „Tattergreis Franzjoseph“ zu benamen und beschimpfte schließlich „die ignorante Wiener und Pester Bagage“ wie auch die Dynastie in derber Weise.

Bis dahin hätte er – theoretisch – noch mit dem Leben davonkommen können. Doch, so in Fahrt geraten, ließ er es sich nicht nehmen ausführlich und radioöffentlich auf die Herzensfrau des Imperators in einer Weise einzugehen, die beim besten Willen nicht mehr k.u.k.-höflich genannt werden konnte: die nämlich ihre langen Korfu-Aufenthalte fernab des Kaisers ungewohnt aktiv und leidenschaftlich verbringe [hier folgten einige Zoten, die der Verf. unmöglich wiedergeben kann], und die dagegen völlig untätig sei, wenn es um die Förderung des Erfindergeists gehe etc. Nun kann man dem verschroben-genialen Mann sicher zugute halten, dass er, in einer eigenen Welt vor sich hin tüftelnd, noch nicht mitbekommen haben mochte, dass die Kaiserin bereits vor Jahren von einem italienischen Anarchisten mit einer Feile erstochen worden war.

Doch befand er sich jetzt zweifellos in dem, was man eine „nicht ganz einfache Situation“ nennen konnte, im Schach würde man wohl von Matt in einem Zug reden. Denn dies alles war ja auch den Erzherzögen und sogar Erz-Erzherzögen zu Ohren gekommen, die, politisch wie technisch für jede Neuerung aufgeschlossen, zu den ersten Radiohörern gehörten. Man wird sich, auch angesichts des lebhaften Getratsches auf der Wiener Hofburg leicht das Erbleichen des greisen Landesvaters vorstellen können, evtl. auch, dass ihm blümerant wurde. Denn er hatte sie sehr geliebt.

Sicher war Kaiserin Elisabeth oder „Sisi“, um die höchstpersönlich es hier geht (und die sich zwar im Film mit „ss“ schrieb, nicht aber in Wien) – eigenwillig gewesen, hatte die Hofburg oft gemieden, etwa zugunsten Korfus; sicher hatte sie den Grafen Andrássy wild-platonisch gemocht; und sicher auch war sie, wie es der ungar. Dichter Sándor Petöfi einmal in der Sprache der Empfindsamkeit ausdrückte, „Ein absolut heißes Gerät!“ Das war übrigens bei Hofe gewesen, und genau genommen stieß Petöfi seine Worte gleich zweimal hintereinander hervor, wohl, weil er Dichter war, und auch, weil er die junge Kaiserin grad zum ersten Mal hatte sehen dürfen.

Doch angesichts der Bosheit von Leuten, die ihr leeres Leben dadurch anzureichern versuchen, dass sie Geschichten frei erfinden, die dann vor lauter Nachrichtenwert triefen (denn dieser trieft in der Tat, bei hinreichender Menge), sollte man den Gerüchten doch eher gelassen gegenüberstehen. Wer dennoch Zweifel an der schillernden Regentin der Doppelmonarchie und ihrer aufrichtigen Tugendhaftigkeit hegt, dem sei ein – auch posthum problemlos mögliches – Experiment in Sachen menschlichen Erkennens empfohlen. Dazu braucht man nichts weiter zu tun, als der jungen Kaiserin, etwa auf dem Foto unten, einmal ganz lange und prüfend in die Augen zu schauen, und schon kann man ganz sicher sein, dass sie da also.. ähm.. ist….. ja [warmes Schaudern des Verf.] nicht gerade.. ok.. die Augen gucke!.. – süß und viell… ähm..Mmundchen,chön jung – weiße schmal-schuldi äh..schultrig schwanw..schweiß äh.. ALSO: jedenfalls, dass wohl alles in Ordnung war, hoffe ich jedenfalls! Nun aber weiter…

Fotografie von Elisabeth "Sisi" (nicht "Sissi"), 1867 (Ausschnitt). Fotograf: Emil Rabending. Aus Bayern stammend, wurde Elisabeth 1854 durch ihre Heirat mit dem Habsburger Franz Joseph I.Kaiserin von Österreich und (als Erzsébet) Königin von Ungarn. 1898 fiel sie in Genf dem Attentat eines Anarchisten zum Opfer.

Fotografie von Elisabeth „Sisi“ (nicht „Sissi“), 1867 (Ausschnitt). Fotograf: Emil Rabending. Aus Bayern stammend, wurde Elisabeth 1854 durch ihre Heirat mit dem Habsburger Franz Joseph I.Kaiserin von Österreich und (als Erzsébet) Königin von Ungarn. 1898 fiel sie in Genf dem Attentat eines Anarchisten zum Opfer.

Während nun der Kaiser bei Gelegenheit seiner immer recht albern dahinformulierten öffentlichen Bekanntmachungen hatte durchblicken lassen, dass er durchaus über Humor und Selbstironie verfügte, verstand er bei seiner alten tiefen Liebe gar keinen Spaß. Kusztics-Koppler wurde ruckzuck „belangt“, und rechtmäßig, fair und ohne Verfahren zum Strang verurteilt. Denn das Glück wollte es, dass die Bürgerrechte zu der Zeit bereits eine echte Spezialität der k.u.k. Monarchie geworden waren. So hatte sich Kronprinz Franz Ferdinand höchstselbst für sie stark gemacht, indem er öffentlich bekannte, die Idee der Bürgerrechte sei „mal ein ganz außergewöhnlicher Kokolores, den man aber ernst nehmen muss!“ Damit nicht genug, wachte, nach dem Vorbild des darin führenden Zarenreichs, auch die personell recht gut ausgestattete österr.-ungar. Geheimpolizei praktisch Tag und Nacht penibel über die Bürgerrechtsthematik.

Doch alles Recht, was man Kusztics-Koppler antat, änderte nichts daran, dass dieser sich, schon unter dem Galgen stehend, vor allen Schaulustigen dazu hinreißen ließ, mit der ihm eigenen Verve und schöpferischen Kraft die Monarchie schlechthin zu verfluchen und zu verwünschen, so, dass den Anwesenden die Ohren zugingen… Und in diesen noch nachhallten, nachdem der unglückliche Erfinder längst in einem Armengrab lag. Denn schließlich glaubte man damals noch – auch an Flüche. Und so fürchteten Manche um das Leben Seiner Senilität, Franz Joseph I., und auch, weil der Fluch so allgemein gehalten war, überhaupt um das heilige Prinzip der Monarchie in Europa.

Bis heute sehen manche Historiker einen starken Kausalzusammenhang mit dem, was wenig später folgen sollte… mögen ergänzend auch noch andere, untergeordnete Faktoren eine Rolle gespielt haben – etwa, dass man sich damals seit Längerem in einer europa- und weltpolitischen Phase befand, die später als „Zeitalter des Imperialismus“ in die Geschichte eingehen sollte; oder, dass die Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn noch nicht allzu lange zurücklag – nicht jeder auf dem Balkan war damit gänzlich einverstanden oder zumindest wohlwollend-verständnisvoll eingestellt gewesen, trotz der immensen Beliebtheit, der sich die machtbewusste Habsburgermonarchie überall erfreute.

Kurzum, schon bald nachdem der Wiener Tüftler von der Majestätsbeleidigung dahingerafft worden war, saß – es war der sonnenreiche Sommer von 1914 – Franz Ferdinand, der Erzherzog-Thronfolger, im Fond seines Automobils und ließ sich durch die bosnische Hauptstadt Sarajevo kutschieren. Ein 19jähriger schoss… und eine internationale politisch-militärische Kettenreaktion ohne Beispiel lief ab. An deren Ende gingen, wie der englische Außenminister Grey es formulierte, in Europa für Jahre die Lichter aus. Die große, gleichwohl nicht allzu schlagkräftige Armee des um seine Existenz bangenden Vielvölkerstaats marschierte zum Radetzkymarsch in einen Krieg, der sich nicht mehr begrenzen ließ. Und in vier unfassbar furchtbaren Jahren ging das ganze Reich in seinen Untergang… Und zwar so, dass sich alle Debatten mit den Siegern von vorne herein erübrigten.

Doch Ironie von Sisyphos, dem Gott der Geschichte: Nach dem Weltkrieg, der noch nicht der Erste genannt zu werden brauchte, wendete sich das Blatt für Kusztics-Kopplers Getränkehalter mit einem Mal stark zum Guten. Durch den Verlust ihres Reiches – das der Fläche nach das drittgrößte Europas gewesen war, nach Russland und Deutschland -, war den Österreichern im Rest-Zwergstaat so ziemlich alles vermiest. Das galt noch mehr für die Wiener, die schon allein durch die Ringstraßen-Anlagen ständig an die verlorene imperiale Größe erinnert wurden. Übergriffe, so etwa der „Wiener Schmäh“, wurden nach und nach alltäglich; und statt des teuren Almdudlers musste Wasser (oder „Sprite“) getrunnken werden. Das aber bedeutete, dass sich das Problem der Wackelflaschen für den „Vis-à-Vis'“ gleichsam en passant erledigt hatte. Und da die öffentlichen Bahnen auch nach dem Verlust des Kriegs unerschrocken weiter fuhren, kam es dazu, dass sich ein gewitzter Direktor der „Groß-Wiener Personentransport“ an den „Visawie-Halter“ erinnerte. Von da an war dessen Siegeszug in Bahnabteils aller Art nicht mehr aufzuhalten, und wurde schließlich ein weltweiter…

Man mag es kaum glauben, aber es sollte sehr, sehr lange dauern, bis das Modell schließlich abgelöst wurde durch Entwicklungen, die bei geringeren Kosten mehr Tempo und Zuverlässigkeit bieten konnten. Maßgeblich waren hier die (wiederum österrreichischen!) Produkte der „DSL Donau Systemteile Linz“. Doch in ästhetischer Hinsicht bleibt es schade um das Meisterstück des Austro-Ungarn mit dem losen Mundwerk. Verdammt!

Der "Vis-à-vis-Getränkehalter", seit 1912 kaum verändert, als museales Gebrauchskunstwerk.

Der „Vis-à-vis-Getränkehalter“, seit 1912 kaum verändert, als museales Gebrauchskunstwerk.

 

Ergänzende Angaben (Foto): Quelle des letzten Fotos ist das Computer History Museum, bei dem ich mich bedanke / Image courtesy of Computer History Museum.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27. November 2011 von in Geschichte, Satire, Technologie, Umbruchzeiten.
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