Auffälle

SR

Informations-Revolution und Naivität

 

Anlass dieses Artikels war ein Beitrag der Heinrich-Böll-Stiftung: „Open Data und Visualisierung komplexer Daten: Noch immer am Anfang“ von David Pachali – Interview mit Heinrich Kreil im Vorfeld der Konferenz „netz:regeln 2011 – Offenheit als Prinzip“, 9. September 2011. Darauf wird im Folgenden teils Bezug genommen, aber das Thema  ausgeweitet.

Fortschritts-Naivität, -Euphorie und -Tragödie 1912, hier noch in den Docks von Southampton.   Unbek. Künstler / Wikimedia Commons

Fortschritts-Naivität, -Euphorie und -Tragödie 1912, hier noch in den Docks von Southampton. Unbek. Künstler / Wikimedia Commons

Die Visualisierung von Daten, Statistik, komplexen Zusammenhängen etwa der Politik oder Wirtschaft, ist für mich zunächst aus medien- und politikwissenschaftlicher Sicht interessant. Eine solche Visualisierung kann, auf der Makroebene etwa auf dem Gebiet der Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitspolitik, im günstigen Fall dafür sorgen, dass wichtige Themen und Informationen, die (auf den ersten Blick!) wenig spektakulär/wahrnehmbar, schleichender Natur bzw. sehr komplex sind (etwa Artenvernichtung, Flächenverbrauch), mehr „Nachrichtenwert“ erhalten. Denn die bessere Sichtbarkeit – und damit zugleich auch Verständlichkeit, emotionale Wirkung – bedeutet eine größere Chance bei der journalistischen Nachrichtenselektion. Die Medien werden solche wichtigen gesellschaftlichen Probleme dann stärker und adäquat in den Vordergrund rücken.

Zugleich kann durch visualisierte – und überhaupt zugreifbare – Informationen individuell in der Tat eine bessere Informierung des Bürgers erfolgen, evtl. mehr Bürgernähe zustandekommen.

Vorsicht ist gegenüber diesen positiven Aspekten aber geboten, wenn es um einen Über-Schwang im Hinblick auf die Öffnung oder zunächst: Verknüpfung von Datenbeständen geht. Es ist für obige positive Möglichkeiten nachteilig, dass diese Öffnung hierzulande hinterherhinkt, aber evtl. auch ein Vorteil im Sinne der vielleicht abgedroschenen, aber berechtigten Behutsamkeit in einem gewaltigen Lernprozess, der seit einer Weile auf Dauer ansteht.

„Offene Daten sind eine große Chance…“ beginnt der Facebook-Ausschnitt der Böll-Stiftung, der auf obigen Beitrag verweist. Offene Daten sind aber potenziell auch das Gegenteil.

Transparenz, Offenheit, Kommunikation werden oft, etwa von WikiLeaks, als immanent positiv dargestellt.

Das ist eine naive Sicht, wie sie dem Beginn neuer Ären angehört.

Informationen sind an sich wertfrei – und frei verwendbar, vergleichbar den „Sekundärtugenden“ oder der Forschung (s. Medizin vs. Atomwaffen). Ich denke auch an die Industrielle Revolution, die euphorisch begrüßte Technik hervorbrachte, deren schwarze Seite sich – ungeheuerhaft – an der Somme und vor Verdun zeigen sollte.

Die faszinierende weltweite Kommunikationsrevolution nun lädt ein zu Emanzipationen und Machtmissbräuchen (Beides noch in unabsehbarer Weise), zur Nutzung durch Bürger (u.a. der politischen Partizipation), zur Nutzung durch Staaten und Gruppierungen aller Art, zum Guten wie zum Schlechten…

Die Umbrüche hinsichtlich von Kommunikation und Information brauchen die kritische – nicht: negativ ausgerichtete – Handhabung, die politisch positive Wendung, die Abgrenzung zwischen geschützten Sphären (etwa der Privatsphäre) und der Öffentlichkeit (welcher genau?); bedarf vielfach auch der – für Viele das böse Wort – Regelung (bzw. ihrer Veränderung).

Damit will ich darauf hinaus, dass etwas Gewichtiges wie die (kommunale bis letztlich globale, s. Facebook) Öffnung von Daten nicht nur eine Chance darstellt; und dass das im Beitrag erwähnte „Experimentieren“ nicht auf Leichtfertigkeit hindeutet, aber doch der Ergänzung bedarf: Es handelt sich hier zwangsläufig z.T. um Experimente, um das oft sinnvolle Begehen gänzlich neuen Raums – das wie im Fall der Gentechnik aber oft ohne Rückholbarkeit erfolgt – Veröffentlichung ist irreversibel.

Die Visualisierung stellt einen (weiteren) Faktor dar, der schon ganz von sich aus – und ungeachtet der Verwendungs-Einbettung – auf stärkere Offenlegung von Daten hinarbeitet (s. Aussagen im Interview). Auch sie muss daher in kritischer Weise, mit Augenmaß – nicht Euphorie, betrieben und vorangebracht werden, um nützlich zu werden.

Es geht mir nicht um eine grundsätzliche Antihaltung, sondern um einen Kontrapunkt zur Naivität in diesem Bereich, den ich dem Autor des Beitrags nicht unterstelle, aber der mit den technologischen Trends z.T. verbunden ist, ja: verbunden sein muss: Schließlich geht es um die schillernden, unvorhersehbaren Möglichkeiten im Konsumbereich, aber auch in politscher Hinsicht etc., den diese hochdynamische und beinahe „totale“ Entwicklung mehr oder weniger für jede(n) bietet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. September 2011 von in Aktuell / News, Medien / Komm, Technologie.
%d Bloggern gefällt das: