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Gesellschaft & Selbstsicherheit

Ein "eigenwilliger" Pyrit - jenseits von "mass-produced material. Seldom do you see them so finely articulated, and in a cluster with such individuality." Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0

Ein „eigenwilliger“ Pyrit – jenseits von „mass-produced material. Seldom do you see them so finely articulated, and in a cluster with such individuality.“ Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0

Apple ist beliebt: Eine „pfiffige“ Benutzerfreundlichkeit und auch das (für mich etwas monotone) Design werden als Gründe genannt. Ich finde vor allem gut, dass Apple ökonomisch eine gewisse Konkurrenz zur erdrückenden „Wintel“-Gruppe darstellt. Allerdings, welche Rolle spielt das glühende Image Apples bei der Kaufentscheidung, wieviele image users gar (als Extremform) nutzen die iMaschinen? Inwieweit geht  – bzw. vielleicht eher: ging, je nach Produkt – es darum „besonders zu sein“ (ich gegenüber der Masse) und zugleich „dabei zu sein“ (ich als zugehörig zu den angesehenen „Avantgardisten“)?

Dies scheint eine Sache der Marktforschung, ist aber auch eine, die meine Wahrnehmung von Mode aller Spielarten kitzelt, seien es die Mode der (Alltags-)Kultur, die Moden in der Politik, die Mode (=Konjunkturen) der Medienthemen usw. Trotz etwa der wirtschaftlichen Relevanz, z.T. auch fortschrittlichen Dynamik der Computer-Hardware-, Musik- oder Kleidermoden sehe ich ein Problem darin, dass das Massen”urteil” solcher Wellen die individuellen Vorlieben z.T. stark – und auch subtil – beeinflusst. Beispielsweise wird ein Teil der Verbraucher-Präferenzen bis hin zu -Einstellungen durch anschwellende Mode-Phänomene zeitweilig oder dauerhaft weggedrückt; zugleich profitieren ansonsten z.T. zweifelhafte Produkte davon, Teil eines mainstream zu sein. Im Extremfall steigt die Zahl der sogenannten fashion victims, oder: eine Beeinflusstheit des Konsumenten, die der Obrigkeitshörigkeit ähnelt.

Ein kleines Beispiel: Eine junge Frau kommt mir auf dem Gehweg entgegen, sie ist hübsch – ein Eindruck, der von ihrem einfallsreichen Kleid, den sehr femininen Schuhen noch unterstrichen wird. Ein paar Straßen oder Tage später merke ich, dass in Wahrheit längst viele Frauen die einfallsreiche Kleidung tragen. Aus einem sympathisierenden “Sie hat (einen eigenen, guten) Geschmack.” wird ein “Sie alle tragen also einfach, was man (frau) gerade trägt“ (…während sie ihre ästhetische u.a. Vorlieben in diesem Fall mehr oder weniger verbergen).

Dieses, ziemlich äußerliche Beispiel lässt sich auf weit wichtigere Themen übertragen, bei denen es darum geht, ob ich mich und meine Vorlieben, Eigenheiten etc. gegenüber Anderen selbstsicher zeige („So und so bin ich.“). Dies ist nicht exhibitionistisch zu verstehen, ja, nicht einmal im Sinne, jemand beeindrucken zu wollen (sozusagen auf „Impression“ gerichtet), sondern es geht mir hierbei um „Expression“, den offenen Ausdruck dessen, was zu mir gehört, befreiend, kreativ und ehrlich – und dadurch erst, im Doppelsinn, ein echtes Miteinander von Menschen ermöglichend.

Zwar dürfte in der Regel eine starke Identifikation mit „dem Kollektiv“, mit den eher „flüssigen“ Moden und den „festeren“ gesellschaftlichen Normen – einschließlich der elterlichen – Sicherheit geben, wohltuend und zunächst auch unabdingbar sein. Und schließlich muss jeder Kompromisse machen, um mit dem letztlich unauflösbaren Widerspruch zwischen den Wünschen des Einzelnen und der Gesellschaft zurechtkommen, den Sigmund Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“ formuliert. Dennoch wird ein allzu normgerechtes Leben, ein Mitläufertum in Sachen Moden und Normen (auf die verschiedenen Lebensbereiche bezogen) oft nur eine Belanglosigkeit des Lebens und eine Bestimmtheit durch äußere Einflüsse zulassen – die man vielleicht nicht einmal explizit bemerken wird.

Eine Balance ist notwendig: zwischen eigener Persönlichkeit – dem „Holz, aus dem ich bin“, oder wenigstens: zum jetzigen Stand bin – und starken gesellschaftlichen Einflüssen. Für solch einen (immer neuen) Ausgleich, der einem selbst entspricht, kann aus meiner Sicht nur das ganz eigene Denken und Fühlen – auch wenn dies natürlich nicht geschichtslos ist – der Ausgangspunkt sein, nicht das bequem Übernommene. Jeder habe, so der amerikanische Psychologe Manuel J. Smith, das Recht, sein eigener oberster Richter zu sein.

In dem weisen Wort Smiths kommen das Wünschbare und das Notwendige zusammen. Denn zentrale Langzeittrends beinhalten die Schwächung tradierter Maßstäbe und Orientierungspunkte: Das – für sehr viele Menschen – Fehlen göttlichen Beistands (was keineswegs ironisch gemeint ist), die Säkularisierung der Industriestaaten; die Vereinzelungstendenzen auf familiärem/partnerschaftlichem Gebiet (u.a. in Form räumlicher Mobilisierung); und die extremen – und zutiefst diskreditierenden – Erfahrungen, die das 20. Jahrhundert im Hinblick auf die Begriffe von Masse und Hierarchie (Totalität) hervorgebracht hat.

Sigmund Freud (1994, i.Orig. 1930): Das Unbehagen in der Kultur, und andere kulturtheoretische Schriften. Frankfurt.

Manuel J. Smith (2002): Sage Nein ohne Skrupel. München.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Juli 2011 von in Wahr-Nehmungen.
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